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John Clayton: Stories of a Groove

John Clayton (JC) gilt seit langem als einer der führenden Big Band Arrangeure im Jazz und hat mit einem Who is Who von Stars gearbeitet. In Deutschland trat er mehrfach mit der WDR Big Band auf. Außerdem ist er einer der besten Straight Ahead Bassisten, bekannt als Mitglied des Monty Alexander Trios der 1970er Jahre (mit Drummer Jeff Hamilton), als Bassist des Count Basie Orchestra, und Ko-Leiter des Clayton Hamilton Jazz Orchestra (mit Bruder Jeff Clayton und Jeff Hamilton). Der 65-jährige war der meistbeschäftigte Musiker auf der Jazz Cruise, die im Februar 2018 eine Woche lang auf der Celebrity Summit im Golf von Mexiko stattfand. Er spielte nicht nur mit den Clayton Brothers, dem Hardbop Quintett, das er seit 30 Jahren gemeinsam mit seinem Bruder Jeff Clayton führt, sondern war auch Leiter der All Star Big Band, mit der er probenintensive Konzerte aufführte. Trotzdem nahm er sich die Zeit für ein Gespräch mit JP-Mitarbeiter Hans-Bernd Kittlaus (HBK).

HBK: John, Du hast gestern Abend mit der Big Band ein Tribute an Gerald Wilson gespielt (der brilliante Arrangeur starb 2014 mit 96 Jahren). Wenn ich sehe, wie Du Dich als Dirigent vor der Big Band bewegst, erinnert mich das auch stark an Gerald Wilson. Welche Bedeutung hatte er für Dich?

JC: Als in ich den 1960er Jahren in Los Angeles aufwuchs, führte Gerald die wichtigste lokale Big Band. Deren Sound hat mein Verständnis damals geprägt, wie eine Jazz Big Band zu klingen hatte. Ich habe seine Arrangements dann später sehr intensiv studiert, aber hatte nie formalen Unterricht bei ihm. Wenn wir uns in Los Angeles getroffen haben, erzählte er Stories aus den alten Zeiten. Was zum Beispiel kaum einer weiß, ist, dass Gerald in den 1950er und 1960er Jahren der wichtigste externe Arrangeur für Ellington war, an den Ellington oft Aufträge vergab, wenn er und Billy Strayhorn zu viel Arbeit hatten.

HBK: Gerald hatte mehrfach Kompositionsaufträge vom Monterey Jazz Festival. Letzten September hattest Du so einen und hast Deine Suite „Stories of a Groove“ in Monterey mit dem Clayton Hamilton Jazz Orchestra und dem Gerald Clayton Trio aufgeführt. Ich war leider nicht dabei, aber habe sehr begeisterte Berichte gelesen. Das war eine ziemlich politische Arbeit?

JC: Ja, das kann man sagen. Obwohl ich es lieber sozialkritisch nenne. Der Leiter des Monterey Jazz Festivals, Tim Jackson, war mit dem Auftrag auf mich zu gekommen. Wir unterhielten uns über die aktuelle Lage in den USA, und ich sprach von der Wut, die ich empfand und noch immer empfinde. Überraschenderweise forderte er mich auf, diese Gefühle in der Suite zum Ausdruck zu bringen. Das habe ich dann auch gemacht. Ich habe nie zuvor so viel Arbeit in eine 40-minütige Suite gesteckt. Das Publikum scheint die Botschaft verstanden zu haben. Ich wollte ursprünglich einen der Sätze mit „Anger“ (Wut) betiteln, aber habe es schließlich anders genannt.

HBK: Als Obama Präsident wurde, gab es so viel Hoffnung. Er konnte dann aus verschiedenen Gründen nicht alle Erwartungen erfüllen. Und dann kam es zu diesem Rückschlag mit der Wahl Trumps.

JC: Ich kann verstehen, dass Du das so siehst. Aber Obama hat sehr viel erreicht. Die Entwicklung der letzten 18 Monate hat nun diese Wut bei vielen Amerikanern hervorgerufen. Was da fortwährend passiert, macht auch mich wütend. Ich fühle mich verletzt in meiner Ehre als amerikanischer Bürger. Und ich kann viele meiner Landsleute nicht mehr verstehen. Wie kann ein Jazz-Musiker Trump-Anhänger sein? Aber es gibt welche, auch hier auf dem Schiff. Und wie kann eine Frau Trump-Anhängerin sein? All diese Gefühle sind in „Stories of a Groove“ eingeflossen, aber auch die Hoffnung, dass wir diese Phase überwinden werden.

HBK: Wirst Du die Suite als CD veröffentlichen?

JC: Wahrscheinlich eher nicht. Das ist heute kaum zu finanzieren. Und planerisch extrem schwierig, denn dazu müssten wir alle Beteiligten für zwei oder drei Aufnahmetage zusammenbringen. Angesichts der Kalender von Jeff Hamilton, meinem Bruder Jeff, meinem Sohn Gerald und dem Orchester habe ich wenig Hoffnung.

HBK: Diese Spaltung der amerikanischen Gesellschaft ist ja schon länger zu beobachten, nicht erst seit der Wahl Trumps. Und sie hat offenbar auch ein rassen-bezogenes Element. Ich habe seit einigen Jahren auch im Jazz-Bereich den Eindruck, dass das Thema „Rasse“ wieder eine stärkere Rolle spielt, bis hin zu Segregation.

JC: Wenn ich meine Studenten beobachte, spielt Rasse überhaupt keine Rolle. Die wollen einfach von den Besten lernen, ob das jetzt Benny Green oder George Cables ist. Historisch haben Jazz-Musiker allerdings schon Position zur Rassenfrage bezogen. Das war in den 1960er Jahren auch notwendig. Frank Foster hatte mal eine Band, die er „The Loud Minority“ nannte. Was meinst Du aktuell mit Segregation?

HBK: Gestern Abend spielte Nicholas Payton hier auf dem Schiff mit Herlin Riley. Der veröffentlichte vor einigen Jahren sehr eindeutige Aussagen in Richtung Segregation.

JC: Ja, das musste man wohl so interpretieren. Es gibt natürlich immer Leute mit merkwürdigen Ideen. Aber Nicholas Payton ist nicht repräsentativ für die amerikanische Jazz Community.

HBK: Du hast Dich immer sehr stark als Lehrer engagiert, über 20 Jahre an der USC oder in vielen Workshops. Es ist großartig, wie gut viele junge Musiker sind, sei es in USA oder auch in Europa. Leider fehlt es an Auftrittsmöglichkeiten. Wenn ich die Situation zum Beispiel in Los Angeles richtig sehe, gibt es kaum noch einen wirklichen Jazz Club.

JC: Die Situation für Jazz war noch nie rosig. Ja, früher gab es mehr Clubs. Aber die Dinge verändern sich. Heute gibt es alternative Wege. Viele Museen und andere Kultureinrichtungen veranstalten Jazz-Reihen. Es gibt vielfältige Quellen für Fördergelder. Und wenn das nicht reicht, müssen die Musiker eben selbst als Veranstalter aktiv werden. Das predige ich auch meinen Studenten immer.

HBK: Die junge Sängerin Veronica Swift hat in den letzten Tagen hier große Begeisterung auf dem Schiff ausgelöst. Was hältst Du von ihr?

JC: Ja, Veronica ist ein großes Talent. Man hört ihr natürlich ihre Jugend an, aber das ist auch gut so. Und mit Emmet Cohen’s Trio hat sie eine gute Band.

HBK: Bei einem ihrer Auftritte erzählte mir Benny Green, dass er nach seiner Zeit mit Betty Carter bis heute viele Anfragen hatte, Sängerinnen zu begleiten, die er immer abgelehnt habe. Er wolle nicht mit Diven arbeiten, und Sängerinnen wären zu Beginn meist sehr nett, aber wenn man dann zuammen auf der Bühne stehe, käme die Diva raus. Veronica sei die erste, bei der er ein gutes Gefühl habe. Deshalb habe er auch auf ihrer neuen CD mitgewirkt, die in Kürze erscheint. Du, John, hast ja unglaublich viel mit Sängerinnen gearbeitet. Wie sind Deine Erfahrungen?

JC: Ich fürchte, Benny hat Recht (lacht). Aber es gab und gibt auch Ausnahmen. Zum Beispiel Diana Krall, die ist nicht so, Nancy Wilson nicht, und Sarah Vaughan war es auch nicht. Wenn ich an die ältere Garde von Sängerinnen denke, so hatten die es ja auch nicht einfach, sich zu behaupten. Da musste man schon tough sein. Ich habe mal einen Auftrag gehabt, eine Aufnahme von Carmen McRae mit der WDR Big Band zu arrangieren. Zur Vorbereitung besuchte ich Carmen bei ihr zu Hause in LA. Vor ihrem Haus stand ein Auto mit dem Kennzeichen „KMBA“. Als sie mir aufmachte, fragte ich sie, ob das ihr Auto sei und ob die Buchstaben das bedeuten sollten, was ich vermutete. Sie sagte: „Da kannst Du drauf wetten“ (KMBA = Kiss My Black Ass).

HBK: Du hast ja oft mit der WDR Big Band gearbeitet. Aktuell sind in Köln Bob Mintzer als Chefdirigent und Vince Mendoza als Composer in Residence verpflichtet. Ich schätze beide sehr, auch wenn ich Vince‘ Arrangements auf Gregory Porter’s Nat King Cole CD für misslungen halte.

JC: Ja, die CD habe ich gehört. Ich glaube, das hätte ich anders arrangiert. Aber man weiß nicht, welche Rahmenbedingungen es gab. Ich erinnere mich an eine Produktion vor vielen Jahren. Damals bat mich Tommy LiPuma, die Arrangements für eine Big Band CD mit McCoy Tyner zu schreiben. Ich war ganz begeistert, aber dann kam der Haken. Es sollten nur Burt Bacharach Stücke sein. McCoy hatte zu diesen Stücken überhaupt keine Beziehung. Mit der CD bin ich bis heute unglücklich.

HBK: Du planst, im Herbst das Clayton Hamilton Jazz Orchestra für eine Tournee mit Cécile McLorin Salvent nach Europa zu bringen. Cécile hat ja eine sehr theater-orientierte Art des Vortrags. Wie willst Du das mit der Big Band zusammenbringen?

JC: Ja, genau. Sie interpretiert Songs gern dramatisch. Das betrachte ich als eine spannende Herausforderung. Darüber tausche ich gerade Emails mit Cécile aus. Ich möchte mit meinen Arrangements diese Dramaturgie aufgreifen und darüber eine neue Seite der Band zeigen.

HBK: Ich freue mich darauf. Werdet Ihr das auch aufnehmen?

JC: Ich hoffe es. Außerdem reden wir gerade über eine neue CD der Clayton Brothers.

HBK: Macht doch endlich eine Live CD! Die Band hat eine so mitreißende Live Energie.

JC: Ja, das sollten wir eigentlich machen. Aber die Kosten für eine Live-Aufnahme sind deutlich höher als im Studio. Ich soll im New Yorker Jazz Standard in einigen Monaten eine zweiwöchige Residency organisieren und spielen. Da werde ich in verschiedenen Besetzungen auftreten. Ich möchte zum Beispiel Diana Krall für ein paar Tage nur als Pianistin dabei haben. Die Clayton Brothers werden auch einige Tage bestreiten. Das könnte eine Gelegenheit für eine Live-Aufnahme werden.

HBK: Du bist jetzt 65. Das wird ja gemeinhin als Rentenalter betrachtet. Was sind Deine Pläne?

JC (lacht): Rente. Nein, sicher nicht. Mir macht das, was ich mache, so viel Freude. Ich wüsste nicht, wie ich meine Zeit besser verbringen könnte. Ich mache weiter, solange es geht.

HBK: Das freut mich. Ich wünsche Dir, dass Du mindestens so lange produktiv sein kannst, wie Gerald Wilson es war. Und mir wünsche ich, dass ich bis zu Deiner letzten Note zuhören kann.

JC: Damit bin ich sehr einverstanden.

Hans-Bernd Kittlaus

Foto: Hans Bernd Kittlaus

www.johnclaytonjazz.com

Aktuelle CDs:
The Clayton Brothers: Soul Brothers, ArtistShare
Clayton Hamilton Jazz Orchestra: The L.A. Treasures Project, Capri
John Clayton + Hank Jones: The Negro Spirituals Dialogue, ArtistShare

Janning Trumann

Der linke Fuß ist weiter vorn, der rechte etwas zurück. Athletisch, wie ein Ringer vor dem Angriff. Wenn die Musik ihn packt, wiegt er in dieser Stellung vor und zurück, während er seine Posaune bläst. Loft, Köln, im Januar 2018. Janning Trumann spielt mit Trillmann: “Die Band entstand in New York vor drei Jahren. Damals studierten Tenorsaxophonist Fabian Willmann aus Basel, Schlagzeugerin Eva Klesse aus Leipzig und ich als Stipendiaten in New York. In Deutschland ist der Kölner Bassist Florian Herzog dazugekommen“ (an diesem Abend ersetzt durch Stefan Schönegg). Die Verbindung hat gehalten. Gemeinsam spielen sie überwiegend auf die Band zugeschnittene Eigenkompositionen. Dynamisch, getrieben von Klesses hartem Punch. Sie kann Druck erzeugen, der die beiden Bläser zu solistischen Höhenflügen treibt. Erstmalig ist heute Pianist Sebastian Sternal als Gast dabei: “Ich habe mich über Jannings Einladung gefreut. Die Trillmann Kompositionen sind eine reizvolle Basis für mich, auch wenn oder gerade weil sie nicht für Klavier geschrieben wurden.“

Loft, Köln, im Dezember 2017. Janning Trumann sagt Anna Webber an, die New Yorker Saxofonistin und Komponistin. Selber spielt er nicht. Er hat eine viertägige Residency für Webber organisiert, jeden Abend in einer anderen Kölner Location mit einer anderen Band mit überwiegend Kölner Musikern. Die heutige Zusammensetzung erweist sich als Geniestreich. Meisterpianist Simon Nabatov, Bassist David Helm und Schlagzeuger Fabian Arends haben sich die komplexen Kompositionen Webbers in kurzer Zeit zu eigen gemacht. Es passt, Nabatov brilliert solistisch in schönem Kontrast zum eher spröden Tenorsaxofon Webbers.

Das Loft ist zu einem wichtigen Ort für Trumann geworden, seit er 2010 nach Köln kam. Loft-Betreiber Hans-Martin Müller, selbst klassischer Musiker, hat ihm immer wieder Auftrittsmöglichkeiten für seine verschiedenen Bands gegeben und fördert ihn auch als Organisator: “Janning ist ein hervorragender Posaunist, der verdientermaßen ausgezeichnet wurde mit Preisen wie dem amerikanischen J.J. Johnson Award und dem NRW Förderpreis. Was ihn darüber hinaus auszeichnet, ist sein Wille und seine Fähigkeit, sich auch organisatorisch und musikpolitisch zu engagieren. Ich kenne keinen anderen Musiker seiner Generation, der diese natürliche Führungsfähigkeit hat und andere mitreißen kann, etwas zu tun. So hatte er als Mitglied unseres Teams „jungesloft“ maßgeblichen Anteil daran, dass sie den Spielstättenpreis APPLAUS 2017 gewonnen haben. Dazu versteht er es, Förderanträge zu schreiben, und er engagiert sich im Initiativkreis freie Musik als Sprecher der Kölner Jazz Konferenz, die die Interessen der Jazzszene vertritt. Es gibt Menschen, die bewegen etwas, die haben Gestaltungswillen und Durchhaltevermögen, die sind nicht zu verhindern, und so einer ist Janning. Natürlich macht man sich mit einem solchen Gestaltungswillen nicht immer nur Freunde.“ Trumann bezieht sich auf seine Wurzeln: “Ich habe auf dem Bauernhof meines Vaters gelernt, dass man immer proaktiv anpacken muss und selten Feierabend hat. Das ist für mich ganz normal. Ich möchte die Situation für die Jazz-Szene verbessern. Deshalb engagiere ich mich. Und natürlich möchte ich auch selbst von erreichten Verbesserungen profitieren.“

Janning Trumann wurde 1990 geboren und wuchs auf einem größeren Bauernhof bei Bad Bevensen in Niedersachsen auf, Vater Landwirt, Mutter Musiklehrerin, 3 Söhne. Die Mutter sorgte dafür, dass die drei Kinder frühzeitig Musik machten. Janning begann mit der Geige, ab 10 spielte er Posaune, schon mit 14 im Landesjugendjazzorchester Niedersachsen. “Aber ich war noch zu schlecht. Die haben mich schnell wieder nach Hause geschickt. Mit 16 wurde ich dann festes Mitglied. Zu der Zeit kam ich auch in Kontakt mit Nils Landgren, der bereit war, mir Unterricht zu geben. Ich bin dann lange Zeit regelmäßig mit dem Zug nach Hamburg gefahren und habe ein Vorstudium an der Musikhochschule Hamburg parallel zum Gymnasium gemacht.“ Die gemeinsame Band mit Saxofonistin Anna-Lena Schnabel und Schlagzeuger Fabian Arends gewinnt bei Jugend Jazzt. 2009 erlebt er noch Peter Herbolzheimer als Bandleader, von 2010 bis 2012 ist er Mitglied des BuJazzO.

Fabian Arends erinnert sich: “Ich kenne Janning schon seit 2007 aus dem Landesjugendjazzorchester Niedersachsen. 2010 sind wir gemeinsam nach Köln an die Musikhochschule gegangen und haben fast 5 Jahre in einer WG zusammen gewohnt. Er hat zwei besondere Talente: das Posaunenspiel und Organisation. Er konnte schon immer tolle Visionen entwickeln für Projekte und Darbietungsformen für Jazz. Und er arbeitet unglaublich beharrlich und viel. Janning hat frühzeitig realisiert, dass man als Posaunist im heutigen Jazz-Betrieb nicht so viele Möglichkeiten für Sideman Gigs hat wie etwa ein Schlagzeuger. Deshalb liegt sein Fokus auf Big Bands und natürlich seinen eigenen Bands. Das liegt ihm auch, er fühlt sich wohl in der ersten Reihe.“

ABS, Köln, im November 2017. Eine Kölsche Kneipe, in der jeden Sonntagabend Jazz geboten wird. Heute fängt es etwas später an. Erst muss der 1. FC Köln noch auf dem Großbildschirm verlieren. Nach kurzer Umbaupause startet das Janning Trumann Quartett, besetzt mit einigen der besten jüngeren Kölner Musiker. Am Klavier, heute Keyboard, Lucas Leidinger, am Bass Matthias Nowak (statt Florian Herzog), und am Schlagzeug Thomas Sauerborn, der Trumann schon seit 2009 kennt: “Wir haben uns im Rahmen von Jugend Jazzt kennengelernt und dann im BuJazzO zusammengespielt. 2010 begannen wir in Köln das Studium und waren von Anfang an eine Clique. Bei aller Arbeit bleibt Janning immer entspannt, man kann gut mit ihm abhängen. Wir spielen in seinem Sextett MAKKRO zusammen, im Subway Jazz Orchestra und seit zwei Jahren in seinem Quartett.“ Das Quartett spielt nahezu ausschließlich Trumanns Kompositionen. Thomas Sauerborn: “Janning schreibt spannende Musik, die eine sehr elegante Verbindung aus Komposition und Improvisation bietet, aus dem Virtuosen und dem Spontanen und Interaktivem.“ Heute Abend intoniert die Band unter Anderem zwei Kompositionen, die Trumann in New York geschrieben hat. Sie klingen anders, härter, bluesiger, amerikanischer. Trumann wiegt sich wieder vor und zurück, die Musik swingt. Wurde Trumann schon frühzeitig gerühmt für seinen schlanken präzisen Posaunen-Sound, so klingt er hier fetter bis hin zu Growl-Tönen.

Dazu Janning Trumann: “Ich hatte in New York Unterricht bei einem klassischen Posaunisten. Der hat mich ziemlich auseinander genommen und mir die Limitierungen meines bisherigen Ansatzes an der Posaune aufgezeigt. Deshalb arbeite ich seit eineinhalb Jahren daran, meinen Ansatz umzustellen. Dadurch verändert sich mein Sound. Ich bekommen mehr klangliche Gestaltungsmöglichkeiten.“ Die eineinhalb Jahre in New York, verteilt auf die Jahre 2015 bis 2017, haben Trumann viel gebracht: “Ich bin von Anfang an dorthin gegangen mit dem Ziel, so viel Erfahrungen wie möglich zu sammeln, aber nach meinem Master-Abschluss an der New York University wieder nach Köln zurückzugehen. Zum Glück konnte ich mich dort ganz auf Studium und Konzertbesuche konzentrieren, da ich Förderungen vom DAAD, der Landesstiftung NRW und auch von der Konrad-Adenauer- Stiftung bekam, die mich schon seit 2010 unterstützt.“

Subway, Köln, im November 2017. Der kleine Klub ist eine historische Stätte für den Jazz in Köln, hat doch der WDR hier über Jahrzehnte bis 2001 die internationale Jazz-Elite wie auch viele deutsche Musiker auftreten lassen und für Radio und Fernsehen aufgenommen. Heute tritt das Subway Jazz Orchestra einmal monatlich auf, eine Big Band mit einigen der besten jüngeren Kölner Musiker. Saxofonist und Komponist Jens Böckamp war von Anfang an dabei: “Nachdem das Kölner KLAENG Kollektiv das Subway mit ihrem KLAENG Festival wieder für den Jazz wachgeküsst hatte, starteten wir 2013 das Subway Jazz Orchestra. Die Initiative ging aus von vier, fünf Leuten, darunter Janning. Er spielt Lead Posaune. Und er hat immer viel Energie reingebracht, Dinge vorangetrieben und uns Förderungen besorgt. Kein Ahnung, wie er das alles immer schafft. Aber sein Engagement ist gut für die Band und die Kölner Szene insgesamt.“ Heute Abend sagt Trumann nicht nur souverän die Band an, sondern auch die beiden Gäste Nils Wogram und Hayden Chisholm. Der Posaunenprofessor der Kölner Musikhochschule Henning Berg, dem Wogram und Trumann einiges zu verdanken haben, sitzt im dicht gedrängten Publikum. Es wird ein großer Abend mit exzellenten Arrangements mehrerer Band-Mitglieder und solistischen Highlights nicht nur von Wogram und Chisholm. Trumann hat in der Anfangszeit Arrangements für die Big Band beigesteuert, macht das heute aber kaum noch: “Eines der schwierigsten Dinge als Musiker ist es herauszufinden, was man gut kann und was man weniger gut kann. Ich glaube, dass meine Stärke als Komponist und Arrangeur eher bei kleineren Gruppen liegt. Deshalb schreibe ich heute kaum noch für Big Band.“

Trumann hat klare Vorstellungen, was er musikalisch will: “In der Kölner Jazz-Szene sind immer alle sehr nett zueinander. Dabei besteht die Gefahr, dass persönliche Beziehungen Vorrang bekommen vor musikalisch notwendigen Entscheidungen in einer Band. Das will ich möglichst vermeiden. Mein privater Freundeskreis besteht aus mehr Nichtmusikern als Musikern. Dadurch wird es etwas leichter. Wenn ich als Komponist und Bandleader einen bestimmten Sound im Kopf habe, dann traue ich mich heute, meinen Bandmitgliedern klar zu sagen, was ich will, und nicht immer alles gruppendynamisch auszudiskutieren.“

Neben den genannten Bands spielt Trumann auch im Posaunensatz des Cologne Contemporary Jazz Orchestra. Diese Big Band gibt es schon mehr als 15 Jahre. Und er hat seine Band MAKKRO. Dazu Fabian Arends: “MAKKRO entstand während unserer Zeit an der Kölner Musikhochschule. Das war ursprünglich eine Idee von Sebastian Gramss, zwei akustische Trios zusammenzufügen. In der Zwischenzeit ist daraus ein echtes Sextett geworden und wir haben elektronische Sounds aufgenommen. Die Besetzung mit zwei Bassisten und zwei Schlagzeugern erfordert eine spezielle Herangehensweise, damit man sich nicht gegenseitig auf die Füße tritt. Das klappt gut.“ Recht neu ist Janning Trumanns New York Quartet, für das er einen seiner Professoren an der New York University, Bassist Drew Gress, gewinnen konnte sowie den in New York lebenden deutschen Schlagzeuger Jochen Rückert und den Kölner Vibraphonisten Dierk Peters, auch Stipendiat in New York. Hier ist die Musik melodischer als in den anderen Bands und deutlich mitbestimmt von der exzellenten Rhythm Section.

2018 startet Janning Trumann sein eigenes Label, Tangible Music. Mit „Be Here, Gone and Nowhere“ des New York Quartet ist die erste Veröffentlichung bereits als Download verfügbar, im März 2018 erscheint die neue Trillmann CD “Foen“, die die tonalen Möglichkeiten des Quartetts vorzüglich auslotet. Trumann setzt langfristig eher auf elektronische Wege: “Eigentlich ist die CD tot. Man kann sie nur noch bei Konzerten verkaufen. Jüngere Leute kaufen überhaupt keine CDs mehr, die hören nur noch übers Internet.“ So werden die Tangible Music Veröffentlichungen alle als Download angeboten, aber nur ausgewählte als CD. “Ein eigenes Label gibt mir alle Freiheiten, was ich wann wie veröffentlichen will. Ein größeres bekanntes Label hätte für mich mehr Einschränkungen als Nutzen. Mit der Marketing-Seite muss ich mich sicher mehr beschäftigen. Aktuell zeigt sich, dass die Positionierung von drei verschiedenen Quartetten nicht so einfach zu kommunizieren ist.“

Janning Trumann ist ein Wirbelwind mit viel Potential. Er wirkt bestimmt, aber nicht hektisch. Hans-Martin Müller: “Ein bisschen erkenne ich mich in ihm wieder, wie ich in dem Alter war. Aber ich hatte ja schon früh eine auskömmliche Festanstellung in einem Orchester, dagegen geht Janning volles Risiko.“ Trumann lebt in einer WG in Köln mit zwei Unternehmensberaterinnnen zusammen. McKinsey würde ihn sicher auch gern sofort einstellen. Zum Glück hat er sich für die Musik entschieden.

Hans-Bernd Kittlaus

Foto: Gerhard Richter

www.janningtrumann.com 

zuerst erschienen im Jazz Podium 3/2018

Aktuelle Veröffentlichungen:
Janning Trumann New York Quartet: Be Here, Gone and Nowhere, Tangible Music (CD + Download)
Trillmann: Foen, Tangible Music (CD + Download)
Janning Trumann Quartet (mit Verneri Pohjola + Dierk Peters): Rise and Fall, Tangible Music (nur Download, ab Mai 2018)
MAKKRO: .why, KLAENGrecords

Relaunch JazzTrane3 – Martin Sasse Trio

An drei aufeinanderfolgenden Tagen präsentiert sich das Martin Sasse Trio mit wechselnden herausragenden Gästen. Den Start machte der Saxophonist Denis Gäbel, am heutigen Freitag folgt der Gitarrist Bruno Müller, am Samstag der Trompeter Axel Schlosser. Martin Sasse, Henning Gailing und der für Joost van Schaik eingesprungen Schlagzeuger Niklas Walter entwickelten Donnerstagabend Spielfreude pur: John Coltrane und Wayne Shorter Standards wurden solistisch herausragend ausgebaut, es machte den Musikern ersichtlich Spaß und der Funke sprang schnell über auf das Publikum im gut gefüllten Studio 672. Summa summarum: Herausragend – und so wird es mit Sicherheit auch heute und morgen Abend sein – wer Zeit hat: Nicht verpassen !!!

Kölner Jazz Kalender 2018 ist da

Die Kölner Jazz-Liebhaber und Jazz-Fotografen Peter Tümmers und Gerhard Richter begleiten schon seit einigen Jahren die Kölner Jazz-Szene mit ihren Kameras. Zum fünften Mal legen die beiden auch für das Jahr 2018 einen Jazz-Wochenkalender mit 54 Fotos auf. Zu sehen sind Jazzerinnen und Jazzer aus der Kölner Szene,  die mit

ihrer  fantastischen Musik allen Jazz-Freunden in verschiedenen Kölner Lokalitäten im Jahr 2017 viel Freude bereitet haben. Der Kalender ist ein schöner Begleiter durch das kommende Jazz-Jahr.

Die Auflage des Kalenders ist limitiert. Der Preis für einen Kalender beträgt 20,00 €. Bei Versand kommen 2,00 € dazu.

Größe: 24 cm x 17 cm quer,
Papier: Bilderdruck 135g matt
Bindung: Spiralbindung
Verarbeitung: metallfarbene Spirale, Schutzfolie vor dem Deckblatt, 1 mm Karton als Rückseite.

Bestellungen nimmt Gerhard Richter über seine Mail-Adresse entgegen: gerhard(at) richterkoeln.de

Die Kalender werden auch bei den November- und Dezember-Konzerten im Alten Pfandhaus und der Jazz-O-Rama–Reihe im Artheater angeboten. Ebenso beim Dezemberkonzert von Paul Hellers Reihe im Stadtgarten.

Jens Düppe – Dancing Beauty

Kommunikationsbereitschaft  und Kreativität – vielleicht lässt sich mit diesem Begriffspaar die Aktivität des Komponisten und Schlagzeugers Jens Düppe am ehesten beschreiben –  am Sonntagabend im Kölner Stadtgarten stellte Düppe sein neues CD-Projekt “Dancing Beauty” vor, das musikalisch Zitate des Musikphilosophen John Cage widerspiegelt, jedenfalls so, wie Düppe sie interpretiert. Ob jede Plastiktüte ein Instrument ist, sei dahingestellt. Wenn dies von Düppe  aber gemeinsam mit  so herausragenden Interpreten  wie Frederik Köster (tr), Lars Duppler (p) und Christian Ramond (b) umgesetzt wird, kann das Resultat nur ein spannendes und ungemein anregendes Erlebnis sein:   Die Musik lässt  innehalten und nachdenken – und gleichzeitig macht es ungemein Spaß zuzuhören und die Lust der Band mitzuerleben.  Lang anhaltender Beifall im gut gefüllten Stadtgarten. (Foto: Gerhard Richter)

Peter Protschka ORGANIC 4TETT

Im “schönsten” Salon de Jazz  begrüßte Peter Protschka am Donnerstagabend, den 09.03.2017, seine Gäste. Mitstreiter waren der Hausherr Clemens Orth an der Hammond-Orgel, Silvio Morger  an den Drums und Malte Dürrschnabel am Saxophon, der an diesem Abend Philipp Brämswig , der an der Gitarre üblicherweise das Organic 4tett vervollständigt, ersetzte. Damit eine etwas ungewöhnliche Besetzung – was der Spiellaune keinerlei Abbruch tat – Dürrschnabel und Protschka verstehen sich prima… und zu Orth und Morger  muss man nichts mehr sagen. Standards in Kombination mit Eigenkompositionen von Peter Protschka machten Spaß … ein grooviges Programm zum Mitwippen. Jazz in herausragender  Klasse – im Wohnzimmer am Severinskloster.