Archiv der Kategorie: Konzertberichte

Jazz-Legenden: Richie Beirach & Adam Nussbaum

Gleich zwei Größen der Modern-Jazz-History gaben sich bei Saxophonist Paul Heller am Sonntagabend, den 12.03.2017, die Ehre – volles Haus im Stadtgarten und trotz Legendenstatus jede Menge Spiellust, Kreativität und Aktion.  Der Klaviervirtuose Richie Beirach und der Star-Drummer Adam Nussbaum machten von der ersten Sekunde an klar, warum und wie sie den Jazz beeinflusst haben… und damit nicht aufhören. Zusammen mit dem herausragenden Martin Gjakonovski am Bass und Scatman Norbert Gottschalk als Überraschungsgast und natürlich Paul Heller rissen sie die Zuhörer mit. Richie Beirach´s  Klaviersolo war ebenso ein Ohrenschmaus wie die treibenden Beats und Grooves von Adam Nussbaum. “To be  focused” – nur das führt zu absoluter Spielkunst – Ovationen des Publikums !!

Biréli Lagrène bei Next Level Jazz IM STADTGARTEN

Im Rahmen der Reihe “Next Level Jazz” unter der künstlerischen Leitung von Paul Heller war Gast der Auftaktveranstaltung   des ersten Halbjahrs Biréli Lagrène – und damit der Virtuose auf der Jazz Gitarre schlechthin.  Und er enttäuschte nicht eine Sekunde – wobei niemanden überraschte, dass erkennbar keine großartige Vorbereitung erfolgt war – weil sie nicht erforderlich war. So etwas funktioniert nur im Zusammenspiel mit außergewöhnlichen Künstlern, und auf diese traf der legitime  Nachfolger Django Reinhardts: Hans Dekker am Schlagzeug , Martin Gjakonowski am Kontrabass und natürlich Paul Heller am Saxophon genossen die Spielfreude  und schlossen sich ohne jede Mühe an – virtuos, kreativ, experimentierfreudig, mit wahrer Spiellust.  Ohne ein einziges Notenblatt auf der Bühne reihte das Quartett ein Kabinettstück ans andere – ein wunderbarer Jazzabend im ausverkauften Stadtgarten!

 

North Sea Jazz Festival 2015 – Auf Erfolg abonniert

Das Port of Rotterdam North Sea Jazz Festival bewegt sich von einem Erfolg zum nächsten. Dieses Jahr waren die Tickets schon zwei Monate vor Festivalbeginn ausverkauft. Das gelang dank eines beachtlichen Aufgebots an Pop-Superstars wie D’Angelo, Mary J. Blige, John Legend und Lionel Richie und insbesondere des gemeinsamen Auftritts von Lady Gaga und Tony Bennett. Das Jazz-Angebot war ebenso stargespickt mit dem Piano-Duo von Herbie Hancock und Chick Corea und vielen Sängern und Sängerinnen wie Jamie Cullum, Melody Gardot oder Lizz Wright.

Lady Gaga begeisterte mit ihrem Feeling für swingende amerikanische Standards. Tony Bennett, mit 89 der letzte der alten Garde der amerikanischen Jazz-Sänger und Entertainer, badete in der Zuneigung seiner jungen Gesangspartnerin und den emotionalen Ovationen der über 10.000 Zuhörer, wobei seine Stimme jedoch deutliche Alterserscheinungen zeigte. Dee Dee Bridgewater zog alle Register als Entertainerin bei ihrem Auftritt mit dem New Orleans Jazz Orchestra. Dessen Leiter, der Trompeter Irvin Mayfield, brillierte mit unterhaltsamen Solos, die Band spielte engagiert auf, doch im Mittelpunkt stand die Diva, die mit „St. James Infirmary“ stehende Ovationen erntete. Dianne Reeves sang ein gefühlvolles Programm, das zum Glück deutlich jazz-näher war als ihre aktuelle CD. Cassandra Wilson kam mit ihrem Programm zum 100-sten Geburtstag von Billie Holiday. Das klang live besser als auf der überproduzierten CD, auch wenn die Sängerin wie immer zu sehr an ihrem manieriert depressiven Stil klebte. Leider hatten die Organisatoren den Auftritt von José James parallel zu Ms. Wilson gelegt, der ebenfalls eine Billie Holiday Tribute CD im Gepäck hatte. Während er auf der CD die klassischen Songs in karger Trio-Besetzung sehr originalgetreu darbietet, geriet das Konzert zu einem inspirierten Triumph mit vielen improvisierten Passagen. James hat seine stimmlichen Fähigkeiten in den letzten Jahren eindrucksvoll verbessert. In Rotterdam sprang er nahtlos und überzeugend von Billie Holiday zum Rap und zurück.

Der diesjährige Artist-in-Residence Han Bennink, humorvoller holländischer Schlagzeugaltmeister, konnte drei Konzerte bestreiten, die sein breites stilistisches Spektrum demonstrierten. Wie Bennink war auch Pianist Randy Weston als einer der Musiker eingeladen, die schon beim ersten North Sea Jazz Festival 1976 dabei gewesen waren. Weston spielte ein blues-getränktes Duo mit Tenorsaxofonist Billy Harper, dessen majestätischer Sound sich bestens mit Weston’s meisterlichen Läufen verband. Der Paul Acket Award ging in diesem Jahr an den armenischen Pianisten und Sänger Tigran Hamasyan, der sich in seinem Trio-Konzert zwischen leicht rockigem Bad Plus Sound und armenischer Folk Music bewegte. Das Original, nämlich die Band The Bad Plus, trat gemeinsam mit Saxofonist Joshua Redman auf, der sich sehr auf diesen Bad Plus Sound einließ und dabei seine eigenen improvisatorischen Stärken vernachlässigte. Einer der besten Sets des Festivals fand nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, da die exzellente Band von Schlagzeuger Otis Brown III nur in einem Dinner Konzert auftrat, dieses Konzept der Kombination von Konzert und (überteuertem) Essen von wenigen Festivalbesuchern angenommen wurde. Geboten wurde zeitgenössischer Postbop vom Feinsten, wobei der immer besser werdende Pianist Fabian Almazon und Trompeter Keyon Harrold neben Brown solistisch herausragten. Pianist Vijay Iyer spielte sein Trio-Programm mit Bassist Stephan Crump und Drummer Marcus Gilmore auf Basis seiner aktuellen CD „Break Stuff“ konzentriert und souverän mit fesselnden Solos von allen dreien. Iyer’s früherer langjähriger musikalischer Partner, Altsaxofonist Rudresh Mahanthappa, brachte ein von Charlie Parker inspiriertes Programm mit seinem glänzend besetzten Quintett mit dem Nachwuchstrompeter Adam O’Farrill, Enkel des legendären Latin Jazz Arrangeurs Chico O’Farrill, und dem mitreißenden Bassisten Francois Moutin. Nur Schlagzeuger Rudy Royston übertrieb es etwas mit anhaltendem Powerplay. Diesen Vorwurf musste man auch dem jungen Drummer Justin Faulkner im ansonsten überzeugenden Branford Marsalis Quartet machen. Marsalis, Pianist Joey Calderazzo und Bassist Eric Revis spielten ein inspiriertes Set, aber richtig gut wurde es, als Jack DeJohnette sich für die Zugabe ans Schlagzeug setzte. Der Meister wirkte entspannt und spielfreudig und bewies, dass Musikalität nicht von der Schlagstärke abhängt. Tenorsaxofonist Azar Lawrence beschwor den Geist von John Coltrane höchst eindringlich in einem großartigen Quintett-Set mit dem explosiven Pianisten Benito Gonzalez. Schlagzeuger Billy Hart glänzte energiegeladen, Bassist Cecil McBee verankerte die brodelnde Musik mit wohlgesetzten tiefen Tönen. Der nicht angekündigte Gast, Trompeter Eddie Henderson, brachte zusätzliche Spannung. Das enthusiastische Publikum hielt es nicht auf den Sitzen.

Weitere Höhepunkte lieferten Bands von israelisch-stämmigen Musikern, die allesamt Zeit in New York verbracht haben. Pianist Omer Klein spielte ein inspiriertes Trio-Programm auf Basis seiner aktuellen CD „Fearless Friday“, das Einflüsse der Klassik elegant und mitreißend mit Jazz verband. Trompeter treten angesichts der physischen Anforderungen ihres Instruments selten im Trio auf. Avishai Cohen tut das regelmäßig seit 9 Jahren mit seinem Triveni Trio. Mit Bassist Yoni Zelnik und dem überaus variablen Drummer Nasheet Waits bot er ein abwechslungsreiches Programm mit Eigenkompositionen und Standards. Sein Namensvetter, der Bassist Avishai Cohen, erweiterte sein Trio mit dem exzellenten Pianisten Nitai Hershkovits um drei New Yorker Spitzenmusiker und spielte ein reines Jazz-Programm ohne die volksmusikalische Prägung, die seine letzten CDs hatten. Vor allem der argentinisch-stämmige Trompeter Diego Urcola und Posaunist Steve Davis hatten brilliante solistische Momente. Bassist Omer Avital brachte ein Quintett mit zwei Tenorsaxofonisten nach Rotterdam, Joel Frahm und Greg Tardy, die beide höchst inspiriert und partnerschaftlich zu Werke gingen. Auch Pianist Yonathan Avishai und Schlagzeuger Daniel Freedman konnten in diesem Postbop-Set überzeugen.

Der frühzeitige Ausverkauf der Tickets führte zu mancher Enttäuschung und kräftigen Schwarzmarktpreisen, doch das dürfte die Festivalorganisatoren unter Jan Willem Luyken nicht gestört haben. Sie waren zu Recht stolz auf diese vierzigste Ausgabe des North Sea Jazz Festivals, das abgesehen von Chaka Khans Laryngitis-bedingtem Konzertabbruch sehr rund lief. Die nächste Ausgabe ist vom 8. bis 10. Juli 2016 geplant. Dafür soll der Early Bird Vorverkauf bereits am 20. November 2015 starten. Die Angst der Fans, bei zu langem Abwarten kein Ticket mehr zu bekommen, wird eine Menge Geld noch früher in die Kasse des Veranstalters spülen. Vielleicht ist es ein Trost für die Fans, dass Vorfreude eine bessere Verzinsung darstellt, als die Banken zurzeit zahlen.

Originalveröffentlichung auf:  http://www.hansberndkittlaus.de/north-sea-jazz-festival/nsjf-2015/

Kölner WinterJazz 2015 – Beitrag von Dietrich Schlegel

Auch wenn Angelika Niescier, preisgekrönte Saxophonistin, Komponistin und Bandleaderin, viel international unterwegs ist, bleibt sie ihrer – auch musikalischen – Heimatstadt Köln doch eng verbunden. Und es scheint ihr Ehrgeiz zu sein, diese Nähe nicht nur durch eigene Konzerte zu beweisen, sondern auch durch den von ihr initiierten und durch ihr weitverzweigtes Netzwerk auf hohem Niveau besetzten „Winterjazz“ – nun schon zum vierten Mal der Auftakt zur Kölner Jazz-Saison. Am 9. Januar wurden die auf einen langen Abend konzentrierten Auftritte der rund 60 Musiker in 20 Formationen auf fünf Bühnen wieder zu einem Highlight des Kultur- und Musiklebens der rheinischen Metropole, der neben Berlin wohl vitalsten Jazzmetropole Deutschlands. Aus der Stadtkasse gab es denn auch erneut einen gehörigen Zuschuss, ebenso vom Land NRW.

Der Eintritt war wiederum frei. Darauf legt Angelika Niescier auch großen Wert, denn sie möchte neben den Jazzfans auch junge Leute ansprechen, die unter dem Eindruck der geballten Jazz-Ladung sich neben ihren Pop-Vorlieben vielleicht auch dem Jazz zuwenden könnten. So war der Andrang des überwiegend jungen Publikums wiederum gewaltig und wuchs schnell zur drangvollen Enge an. Viele blieben auf dem einmal eroberten Stuhl einfach sitzen. Sie wurden im meist einstündigen Wechsel der Bands auch üppig bedient. Andere zogen den Wechsel vor, standen dann aber auch schon mal vor verschlossener Saaltür oder konnten die Menschentraube im Eingangsbereich nicht durchstoßen. Aber der Mengenfaktor beim Publikum und den Musikern gehört zum Ambiente des „Winterjazz“. So muss sich auch der Berichterstatter auf eine Auswahl der Auftritte beschränken, nicht nur aus subjektiven, sondern auch aus logistischen Gründen.
Mittelpunkt war mit seinen drei Bühnen wieder der „Stadtgarten“, der mit seinem bewährten Team unter Matthias von Welck Organisation und Koordination der sich zeitlich und räumlich überschneidenden Konzerte gewährleistete. Gleich der Opener im Restaurant hatte es in sich: das Trio „Punchin‘ Pigs“ mit dem innovativen Posaunisten Paul Hubweber, dem unorthodoxen Bassisten Joscha Oetz, der gerade mit seiner CD „Perfektomat“ Furore macht, und dem Alleskönner Jens Düppe an den Drums, heizten dem Publikum mit brodelndem Groove ein. Wer sich danach abkühlen wollte, wechselte hinüber in den Konzertsaal zum Quartett der feinsinnigen Altsaxophonistin Kristina Brodersen und des Pianisten Tobias Weindorf, mit Christian Ramond (b) und Hendrik Soll (dr), deren Spielauffassung eher intellektuell daherkommt, ohne verkopft zu wirken, dazu waren die eigenen Kompositionen zu melodiös, durchsetzt mit vor allem Weindorfs Ausflügen in heißere Gefilde.
Komplexer ging es im Keller, dem „Studio“, mit dem „Tria Lingo“ zu. Obwohl Johannes Lemke (as), André Nenza (b) und Christoph Hillmann (dr) seit zehn Jahren zusammen auftreten, überraschen sie immer wieder mit einer neuen Konzeption, deren eine feste Komponente jedoch die vor allem durch Hillmann eingebrachte ethnisch-exotische Couleur bleibt. Dann ein Sprung hinüber durch Sturm und Regen auf die andere Straßenseite ins Bistro „Zimmermann’s“, auch hier in einen überfüllten Keller, wo sich die Kölner Bassistin Ulla Oster unter dem Bandnamen „.Git Init“ mit zwei Gitarristen, Vincent Goritzki und Andreas Wahl, plus Ralf Gessler (dr) zusammengespannt hatte, um ihre Zuhörer einem klanglichen Wechselbad von kräftigen Grooves und mal schrillen, mal melodiös-sanften Klängen auszusetzen. Auch den anderen beiden hier gastierenden Bands – „Westinato“ mit dem E-Vibraphonisten Dierk Peters, Stefan Berger (db) und Rafael Calman (dr) sowie „Colonel Petrov’s Good Judgement“ mit Sebastian Müller (g), Leo Huhn (sax), Reza Askari (b), Nils Tegen und Rafael Calman (beide dr) – scheuten in ihren Performances nicht das avantgardistische Experiment, dem gelegentlich laut Programmheft ein „Funken Wahnsinn“ durchaus anhaftete.

Auch zur benachbarten, unplugged Duos vorbehaltenen kölschen Kneipe „Umleitung“ kam man nicht trockenen Fußes. Aber es lohnte sich, auch wenn für manche Gäste im Gedränge die Musiker zwar zu hören, aber nicht zu sehen waren, so der vielseitige und vielbeschäftigte Gitarrist Frank Wingold mit der vor Energie sprühenden französischen, in Köln lebenden Tenorsaxophonistin Christine Corvisier oder das dem Free Jazz verhaftete Gespann der – kein Paradoxon! – bewährten Erneuerer Carl Ludwig Hübsch (tu) und Matthias Schubert (ts). Immer neue Ideen hat auch der Schlagzeuger und Percussionist Jens Düppe, der nach dem Opener im Studio nochmal antrat, der Soundtüftler diesmal geerdet mit seiner Akustik Band, die seine eigene Kompositionen für die demnächst erscheinende Debüt-CD präsentierte. Mit dabei Frederik Köster (tp), Lars Duppler und nochmals Christian Ramond (b).

Im vollgepackten Konzertsaal hatte derweil die österreichische Ausnahmevokalistin Filippa Gojo mit ihren Mitstreitern Sebastian Scobel (p), David Andres (b) und Lukas Meile (perc) die Zuhörer in ihren Bann geschlagen Von ihren Songs, überwiegend selbst komponiert und getextet, sowie von den im Vorarlberger Dialekt ihrer Heimat vorgetragenen Volksliedern geht, getragen auch von ihrer anmutigen Bühnenpräsenz, ein eigener Zauber aus.

Das schon traditionelle Pianosolo im großen Saal in der Stunde vor Mitternacht bestritt diesmal die in den letzten Jahren zu souveräner Reife gelangte Laia Genc, die in ihren Kompositionen und Improvisationen Impressionen und Spielweisen von ihrem jüngst beendeten Studienaufenthalt in Istanbul einfließen ließ. Sie verharrte gleich am Flügel, um auch am letzten Konzert des Abends mitzuwirken. Außer ihr hatten sich Angelika Niescier, die Kontrabassisten André Nendza und Sebastian Raether sowie der Drummer Christoph Hillmann spontan versammelt, um ihren im November unerwartet verstorbenen Kollegen, den Vibraphonisten Rupert Stamm, mit seinen Kompositionen zu ehren. Diese Hommage war nicht nur ein bewegender Moment, sondern geriet überdies zum brillant gespielten und umjubelten Abschluss des so ereignisreichen „Winterjazz 2015“.

Beitragsbild von Gerhard Richter: Laia Genc

Paolo Fresu im Alten Pfandhaus

Cologne Contemporary Jazz Orchestra mit Paolo Fresu und Jens Düppe
Cologne Contemporary Jazz Orchestra mit Paolo Fresu und Jens Düppe

Der aus Sardinien stammende Trompeter  Paolo Fresu gab sich im Abschlusskonzert des diesjährigen Kölner Festival-all -Italiana  im Alten Pfandhaus am 05.11.2014 die Ehre. In einem fulminanten Konzert war es die Musik des Schlagzeugers  und Wahl-Kölners Jens Düppe, die Fresu und das Cologne Contemporary Jazz Orchestra zusammenführte. Fresu ist einer der stilprägenden europäischen Jazzmusiker unserer Zeit; seine Kunst, die im Ausgangspunkt oft mit seinem Idol Miles Davis ( in dessen Spielweise der 50iger Jahre) verglichen wurde, traf auf den  vollen Big Band Sound und insbesondere die Virtuosität und

Cologne Contemporary Jazz Orchestra mit Paolo Fresu und Jens Düppe
Cologne Contemporary Jazz Orchestra mit Paolo Fresu und Jens Düppe

Dynamik des Drummers Düppe. In jeder Sekunde war es ein großartiges Zusammenspiel von Düppe und Fresu – beide und die junge Band hatten offensichtlich ihren großen Spaß an diesem Abend. In jeder Sekunde war der gegenseitige tiefe  Respekt und die freundschaftliche Verbindung der beiden Protagonisten spürbar. Nicht zuletzt der in der zweiten Zugabe (ohne Bigband) gespielte geradezu leise Abschluss mit einer sardinischen Volksweise machte dies unüberhörbar.

Großer Beifall und ein gelungener Abschluss des Festivals. Und wer die Chance hat, Paolo Fresu bei anderer Gelegenheit zu hören, sollte sie nutzen: Outstanding !!

Berliner Jazz Fest 2014

50 Jahre zwischen Rückblick und Ausblick

In den drei Jahren seiner künstlerischen Leitung hat Bert Noglik das Berliner Jazzfest zu neuer Relevanz geführt und diese Entwicklung mit dem diesjährigen 50-Jahr-Festival gekrönt. Umso stärker wird sein selbst gewünschter Abschied bedauert. Trotz einer gewissen Überladung mit historischen Anknüpfungen aller Art – 50 Jahre Berliner Jazzfest (vormals Jazz Tage), 50 Jahre Besuch von Martin Luther King in Berlin, 50 Jahre Tod von Eric Dolphy in Berlin, 25 Jahre Mauerfall – gelang Noglik ein spannendes Programm, das neben einigen Höhepunkten auch einen kleinen Skandal bot. Die wahrlich nicht naheliegende Wahl des New Yorker Avantgarde Gitarristen Elliott Sharp für ein Tribute an Martin Luther King resultierte in einem Konzert, das Nogliks Mut mit Erfolg belohnte. Sharp besetzte seine Band clever mit schwarzen Musikern wie den ausdrucksstarken Sängern Tracie Morris und Eric Mingus und dem Baritonsaxofonisten Alex Harding und choreografierte ein blues-getränktes Programm, das nicht im historischen Bezug erstarrte. Das Monk’n’Roll-Projekt des italienischen Saxofonisten Francesco Bearzatti konnte man nicht unbedingt in die Kategorie „künstlerisch wertvoll“ einordnen, aber es unterhielt das Publikum bestens mit der typisch italienischen Spielart von anarchischem Humor, den besonders Trompeter Giovanni Falzone verkörperte. Für den erkrankten Benny Golson sprang kurzfristig Archie Shepp ein. Sein Quartett-Konzert lief eher routiniert als inspiriert ab, aber der Spirit erfüllte dann am nächsten Tag die Gedächtniskirche umso stärker im Duett mit Jasper van’t Hof an der Kirchenorgel. Shepp ließ sein Tenorsaxofon heulen und kreischen, Blues- und Gospel-Tradition mischten sich mit van’t Hof’s virtuosen majestätischen Orgelklängen. Soweto Kinch bot mit seinem blutjungen Trio ein zweigeteiltes Konzert. Als Saxofonist spielte er klassischen Jazz auf hohem Niveau, als Rapper bot er pop-orientiertes Entertainment. Beide Teile waren gelungen, aber eine Integration fand nicht statt. Zur Geschichte der Berliner Jazz Tage gehört die unrühmliche Phase in den 1960er und 70er Jahren, als jeder Sänger und jede Sängerin in Berlin ausgebuht und –gepfiffen wurde. Daran fühlte sich mancher Zuschauer beim Konzert von Kurt Elling mit der WDR Big Band erinnert, bei dem nach vielen Jahren erstmals wieder Buhrufe erklungen. Doch dieses Mal lag die Motivation nicht in einer grundsätzlichen Abneigung gegen Jazz-Gesang, sondern der Grund war die verfehlte Konzeption des Konzerts. Es stand unter dem Thema „Freedom Songs“ in Erinnerung an den Mauerfall. Dazu hatte der neue Chefdirigent der WDR Big Band, Rich deRosa, ein Programm zusammengestellt und arrangiert. Als Grundlage nahm er Pop-Songs der Zeit um 1989, die sich leider wenig bis gar nicht für Jazz-Darbietungen eigneten und durch seine konventionellen Arrangements nicht besser wurden. So gab es die ersten Buh-Rufe bei „Wind of Change“, der Wende-Hymne der deutschen Pop-Gruppe Scorpions. Vollends aus dem Ruder lief das Konzert bei deRosa’s „Freedom Suite“, in der er Elling über Minuten Sätze berühmter Männer rezitieren ließ von Gandhi über Kennedy und Mandela bis zu Ronald Reagan (sic), aber ohne einen Deutschen. Dahinter spielte die Band unauffällige Hintergrundmusik. Das zeigte nicht nur eine völlige Ignoranz gegenüber deutschen Befindlichkeiten, sondern war auch handwerklich schlecht gemacht. Ein weiterer handwerklicher Fehler war die Wahl von „Come Sunday“ am Ende des Konzerts. Kurt Elling hat viele Qualitäten, aber er ist mit katholischer Kirchenmusik aufgewachsen, nicht mit Gospel. Dementsprechend eignete sich der Song überhaupt nicht für ihn. Die Buhrufe waren also durchaus berechtigt. Elling verstand die Situation nicht, aber ging souverän mit ihr um und sagte, auch in dieser Publikumsreaktion zeige sich Freiheit. Als Beobachter fragte man sich, warum niemand deRosa gebremst hatte, der in Texas lehrt und gerade erst in Köln angefangen hat. Kein guter Start für ihn, insbesondere da das Konzert von den ARD-Rundfunkanstalten bundesweit live übertragen wurde. Elling und die Band konnten einem leid tun. In zwei Konzerten wurde Eric Dolphy gefeiert. Die Pianisten Aki Takase und Alexander von Schlippenbach führten Dolphy’s Musik in eigenen Arrangements mit einer exzellenten Band auf, in der Rudi Mahall und Louis Sclavis an den Bassklarinetten herausragten. Silke Eberhard führte mit ihrem Bläsersextett Potsa Lotsa, das nur von einem DJ begleitet wurde, das neu entdeckte unvollendete Dolphy-Werk „Love Suite“ auf. Solange die Band mit einigem Humor Dolphy-Kompositionen interpretierte, stimmte die Balance aus melodischem Gehalt und Abstraktion. Eberhards Eigenkompositionen hingegen gerieten etwas akademisch. Noglik hatte eine Reihe jüngerer Bands ins Programm genommen, deren Musik sich mehr oder minder stark in Pop- und Rock-Richtung orientierte. Ausnahme war das Eva Klesse Quartett, das bei ihrem Auftritt auf der Hauptbühne mit ihrem frischen Modern Jazz über sich hinauswuchs und Nogliks Mut belohnte. Vor allem Pianist Philip Frischkorn und Altsaxofonist Evgeny Ring fielen positiv auf. Der Free Jazz war durch zwei Bands von Mats Gustafsson vertreten. Mit seinem langjährigen Trio The Thing bewegte sich der Saxofonist auf Peter Brötzmanns Spuren mit berserkerhaften Ausbrüchen und dann wieder geradezu zarten Passagen. Sein 28-köpfiges Fire! Orchestra überwältigte mit enormer Intensität. Zu einem Highlight wurde der Auftritt des Schlagzeugaltmeisters Daniel Humair mit seinem Quartet mit den französischen Jungstars Emile Parisien am Saxofon und Vincent Peirani am Akkordeon, die ihre großen solistischen Freiräume kreativ nutzten. Jason Moran überzeugte mit seinem Bandwagon Trio mal ganz ohne Elektronik und Samples. Vor allem seine der Stadt Chicago gewidmeten Kompositionen begeisterten das Publikum. Seine anschließende Fats Waller Dance Party hingegen wirkte wie der krampfhafte Versuch, die alten Fats Waller Hits einem jungen Pop-Publikum schmackhaft zu machen, indem Waller’s Kompositionen bis zur Unkenntlichkeit kastriert wurden. Dabei schreckte Moran nicht vor dem Aufsetzen einer überdimensionierten Fats Waller-Maske zurück. Die Musik wirkte live zwar lebendiger als auf der misslungenen CD, aber das rettete das Projekt auch nicht. Zum Abschluss des Festivals spielte die amerikanische Band Mostly Other People Do The Killing ihr Red Top Programm, das auf unterhaltsame Weise traditionellen Jazz mit Avantgarde-Elementen vermischte. Dabei schlug sich der deutsche Trompeter Thomas Heberer als Ersatz für den fehlenden Peter Evans gut. Nach diesen vier abwechslungsreichen Tagen darf man gespannt sein, welche neuen Akzente der Engländer Richard Williams als neuer künstlerischer Leiter im nächsten Jahr (5.-8.11.15) setzen wird.

“My Favourite Things” – WDR Big Band feat. John Abercrombie und Adam Nussbaum, Konzert Kölner Philharmonie am 26.09.2014

Hochkarätige Gäste bei der WDR Big Band: Der 69-jährige John Abercrombie gilt seit Jahrzehnten als einer der führenden Jazzgitarristen – auch in diesem Konzert bewies er seine Kunst als Melodiker, zurückgenommen, souverän und gerade dadurch stilprägend. Zusammen mit dem US-Amerikaner Adam Nussbaum am Schlagzeug, der deutlich den Rhythmus des Abends bestimmte, lief die WDR Big Band zu überzeugender Form auf: Die Arrangements von Michael Abene, der bester Laune war und sichtlich Spaß an dem Projekt hatte, waren der Band und ihren Solisten auf den künstlerischen Leib geschrieben: Besonders Rob Bruynen, Shannon Barnett, Frank Chastenier ragten heraus. Und irgendwie spürte man an diesem Abend deutlich die persönliche Freundschaft der Protagonisten zueinander: John Abercrombie bildete schon 1992 mit Adam Nussbaum und Dan Wall ein Trio, also eine lange künstlerische und persönliche Beziehung.
Lange Rede, kurzer Sinn: Ein wunderbarer Abend in der nahezu ausverkauften Philharmonie – und jeder, der nicht dabei war, kann “My  Favourite Things” im Radio auf WDR 3 noch nachholen, und zwar am 08.10.2014 um 20.05 Uhr – viel Spaß.

Gregory Porter in Hamburg

Der derzeitige Shooting-Star der Soul-Jazz-Szene überzeugte am vergangenen Freitag, den 12.09.2014, bei einem Open-Air-Konzert im Hamburger Stadtpark vor 4000 Besuchern und angenehmem Spätsommerwetter, gemeinsam mit dem Metropole Orkest aus den Niederlanden.  Das Kulturjounal Hamburg schrieb schon vorweg von “Gänsehautalarm”…und so war es dann auch. Das gewaltige Orchester in der Kombination von BigBand und kompletter Streicherformation mit rund 50 Musikern unter der Leitung von  Jules Buckley war in Topform. Zu den vielen Künstlern (Ella Fitzgerald, Sarah Vaughan, Pat Metheny, Mel Tormé, Stan Getz, Dizzy Gillespie, Clare Fischer, Bill Evans) aus dem Jazzbereich, die mit dem Orchester bereits auftraten,  gehört nunmehr auch Gregory Porter. Mit seinem Stimmvolumen war es kein Problem, dem Orchester gegenüber zu bestehen – alle hatten Spaß an der perfekten Performance und dem wunderbaren Abend – und entließen gegen 22.00 Uhr nach zwei Zugaben die Künstler nur ungern in die Nacht….