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Mal Waldron & Nicolas Simion Duo: Misterioso – Live in Zürich

Mal Waldron & Nicolas Simion Duo
Misterioso – Live in Zürich
7dreams 7D-118 (zu beziehen unter 7dreams Records)

Der Kölner Saxofonist und Komponist Nicolas Simion hatte schon 6 Jahre in der Band der amerikanischen Piano-Legende Mal Waldron gespielt, als diese Aufnahme im Juni 1998 im Züricher Moods Club entstand. Die Vertrautheit der beiden ist unmittelbar spürbar. Hier spielen zwei Meister, die nichts beweisen müssen. Es beginnt mit Monk’s „Misterioso“ und einer langsamen Einleitung Waldrons, bevor Simions Tenorsaxofon einsetzt, ausdrucksstark und nah an der Melodie. Die exzellente Tonqualität bringt jede Nuance von Simions warmem Saxofonklang und Waldrons Anschlagskultur zum Vorschein. Das Programm mischt Mingus und Monk mit Brahms und Eigenkompositionen zu einem stimmigen Ganzen, bei dem Stimmung, Respekt vor den Komponisten und Ausdrucksstärke im Vordergrung stehen. Für sein „Mood for Eric“ improvisiert Simion auf der Bassklarinette ganz im Sinne Dolphys, für Waldron’s „The Seagulls of Kristiansund“ malt er norwegische Seeatmosphäre auf dem Sopransaxofon. Die jetzt erschienene CD ist ein besonderes Highlight im Katalog von Simions 7dreams Label, das auf das Schönste an den 2002 verstorbenen Pianisten erinnert.

Hans-Bernd Kittlaus 01.10.15

Nicolas Simion Group feat. Lee Konitz & Jancy Körössy: Live in Graz & Brasov

Nicolas Simion Group feat. Lee Konitz & Jancy Körössy
Live in Graz & Brasov
7dreams 7D-115 (zu beziehen unter 7dreams Records)

Jancy Körössy & Nicolas Simion Trio
Sweet Home
7dreams 7D-117 (zu beziehen unter 7dreams Records)

Die vorliegenden Aufnahmen entstanden im Jahre 2001 während einer Tournee, die der Kölner Saxofonist und Komponist Nicolas Simion mit dem Altmeister des rumänischen Jazz, dem Pianisten Jancy Körössy unternahm. Am Bass hatten sie James Singleton dabei, am Schlagzeug Peter Perfido. Für die Konzerte in Graz und Brasov gesellte sich Saxofon-Legende Lee Konitz zu der Band, „Sweet Home“ wurde im Quartett live in Bukarest aufgenommen. Körössy kann hier ein ums andere Mal seine pianistische Klasse demonstrieren, etwa in seiner Komposition „For Oscar“ oder in seinem kunstvoll gestalteten Solo über „You wouldn’t believe“. Simion beeindruckt mit seinem Gestaltungsreichtum, etwa bei seinem abstrakten Einstieg in „One for Kisser“, gefolgt von einer Tour de Force mit osteuropäischen Anklängen, die man auch in seinem Sopransaxofon im Titelsong „Sweet Home“ hört. Die Konzerte mit Konitz sind stärker amerikanisch orientiert. Das gilt für die Songauswahl von amerikanischen Standards und Konitz-Kompositionen, aber auch für den Sound der Band. Konitz leitet „Body and Soul“ mit seinem charakteristischen vibratolosen spröden Altsaxofonton ein, von Körössy mit spärlichen Akkorden begleitet, bevor Simion den majestätischen Sound seines Tenorsaxofons dagegenstellt. Körössy, der Jahrzehnte in USA lebte, fühlt sich hier mit seinem intelligenten Solo ganz zu Hause. Die beiden Saxofonmeister sind auf einer Wellenlänge in ihrer kurzen Duo-Improvisation „Impressions from Brasov“, und in Lee Konitz‘ „Thingin‘“ werfen sie sich über 15 Minuten die solistischen Bälle zu, elegant unterstützt von Körössy und der agilen Rhythmusgruppe. Erfreulich, dass diese Aufnahmen jetzt auf 7dreams verfügbar sind.

Hans-Bernd Kittlaus 28.08.15

North Sea Jazz Festival 2015 – Auf Erfolg abonniert

Das Port of Rotterdam North Sea Jazz Festival bewegt sich von einem Erfolg zum nächsten. Dieses Jahr waren die Tickets schon zwei Monate vor Festivalbeginn ausverkauft. Das gelang dank eines beachtlichen Aufgebots an Pop-Superstars wie D’Angelo, Mary J. Blige, John Legend und Lionel Richie und insbesondere des gemeinsamen Auftritts von Lady Gaga und Tony Bennett. Das Jazz-Angebot war ebenso stargespickt mit dem Piano-Duo von Herbie Hancock und Chick Corea und vielen Sängern und Sängerinnen wie Jamie Cullum, Melody Gardot oder Lizz Wright.

Lady Gaga begeisterte mit ihrem Feeling für swingende amerikanische Standards. Tony Bennett, mit 89 der letzte der alten Garde der amerikanischen Jazz-Sänger und Entertainer, badete in der Zuneigung seiner jungen Gesangspartnerin und den emotionalen Ovationen der über 10.000 Zuhörer, wobei seine Stimme jedoch deutliche Alterserscheinungen zeigte. Dee Dee Bridgewater zog alle Register als Entertainerin bei ihrem Auftritt mit dem New Orleans Jazz Orchestra. Dessen Leiter, der Trompeter Irvin Mayfield, brillierte mit unterhaltsamen Solos, die Band spielte engagiert auf, doch im Mittelpunkt stand die Diva, die mit „St. James Infirmary“ stehende Ovationen erntete. Dianne Reeves sang ein gefühlvolles Programm, das zum Glück deutlich jazz-näher war als ihre aktuelle CD. Cassandra Wilson kam mit ihrem Programm zum 100-sten Geburtstag von Billie Holiday. Das klang live besser als auf der überproduzierten CD, auch wenn die Sängerin wie immer zu sehr an ihrem manieriert depressiven Stil klebte. Leider hatten die Organisatoren den Auftritt von José James parallel zu Ms. Wilson gelegt, der ebenfalls eine Billie Holiday Tribute CD im Gepäck hatte. Während er auf der CD die klassischen Songs in karger Trio-Besetzung sehr originalgetreu darbietet, geriet das Konzert zu einem inspirierten Triumph mit vielen improvisierten Passagen. James hat seine stimmlichen Fähigkeiten in den letzten Jahren eindrucksvoll verbessert. In Rotterdam sprang er nahtlos und überzeugend von Billie Holiday zum Rap und zurück.

Der diesjährige Artist-in-Residence Han Bennink, humorvoller holländischer Schlagzeugaltmeister, konnte drei Konzerte bestreiten, die sein breites stilistisches Spektrum demonstrierten. Wie Bennink war auch Pianist Randy Weston als einer der Musiker eingeladen, die schon beim ersten North Sea Jazz Festival 1976 dabei gewesen waren. Weston spielte ein blues-getränktes Duo mit Tenorsaxofonist Billy Harper, dessen majestätischer Sound sich bestens mit Weston’s meisterlichen Läufen verband. Der Paul Acket Award ging in diesem Jahr an den armenischen Pianisten und Sänger Tigran Hamasyan, der sich in seinem Trio-Konzert zwischen leicht rockigem Bad Plus Sound und armenischer Folk Music bewegte. Das Original, nämlich die Band The Bad Plus, trat gemeinsam mit Saxofonist Joshua Redman auf, der sich sehr auf diesen Bad Plus Sound einließ und dabei seine eigenen improvisatorischen Stärken vernachlässigte. Einer der besten Sets des Festivals fand nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, da die exzellente Band von Schlagzeuger Otis Brown III nur in einem Dinner Konzert auftrat, dieses Konzept der Kombination von Konzert und (überteuertem) Essen von wenigen Festivalbesuchern angenommen wurde. Geboten wurde zeitgenössischer Postbop vom Feinsten, wobei der immer besser werdende Pianist Fabian Almazon und Trompeter Keyon Harrold neben Brown solistisch herausragten. Pianist Vijay Iyer spielte sein Trio-Programm mit Bassist Stephan Crump und Drummer Marcus Gilmore auf Basis seiner aktuellen CD „Break Stuff“ konzentriert und souverän mit fesselnden Solos von allen dreien. Iyer’s früherer langjähriger musikalischer Partner, Altsaxofonist Rudresh Mahanthappa, brachte ein von Charlie Parker inspiriertes Programm mit seinem glänzend besetzten Quintett mit dem Nachwuchstrompeter Adam O’Farrill, Enkel des legendären Latin Jazz Arrangeurs Chico O’Farrill, und dem mitreißenden Bassisten Francois Moutin. Nur Schlagzeuger Rudy Royston übertrieb es etwas mit anhaltendem Powerplay. Diesen Vorwurf musste man auch dem jungen Drummer Justin Faulkner im ansonsten überzeugenden Branford Marsalis Quartet machen. Marsalis, Pianist Joey Calderazzo und Bassist Eric Revis spielten ein inspiriertes Set, aber richtig gut wurde es, als Jack DeJohnette sich für die Zugabe ans Schlagzeug setzte. Der Meister wirkte entspannt und spielfreudig und bewies, dass Musikalität nicht von der Schlagstärke abhängt. Tenorsaxofonist Azar Lawrence beschwor den Geist von John Coltrane höchst eindringlich in einem großartigen Quintett-Set mit dem explosiven Pianisten Benito Gonzalez. Schlagzeuger Billy Hart glänzte energiegeladen, Bassist Cecil McBee verankerte die brodelnde Musik mit wohlgesetzten tiefen Tönen. Der nicht angekündigte Gast, Trompeter Eddie Henderson, brachte zusätzliche Spannung. Das enthusiastische Publikum hielt es nicht auf den Sitzen.

Weitere Höhepunkte lieferten Bands von israelisch-stämmigen Musikern, die allesamt Zeit in New York verbracht haben. Pianist Omer Klein spielte ein inspiriertes Trio-Programm auf Basis seiner aktuellen CD „Fearless Friday“, das Einflüsse der Klassik elegant und mitreißend mit Jazz verband. Trompeter treten angesichts der physischen Anforderungen ihres Instruments selten im Trio auf. Avishai Cohen tut das regelmäßig seit 9 Jahren mit seinem Triveni Trio. Mit Bassist Yoni Zelnik und dem überaus variablen Drummer Nasheet Waits bot er ein abwechslungsreiches Programm mit Eigenkompositionen und Standards. Sein Namensvetter, der Bassist Avishai Cohen, erweiterte sein Trio mit dem exzellenten Pianisten Nitai Hershkovits um drei New Yorker Spitzenmusiker und spielte ein reines Jazz-Programm ohne die volksmusikalische Prägung, die seine letzten CDs hatten. Vor allem der argentinisch-stämmige Trompeter Diego Urcola und Posaunist Steve Davis hatten brilliante solistische Momente. Bassist Omer Avital brachte ein Quintett mit zwei Tenorsaxofonisten nach Rotterdam, Joel Frahm und Greg Tardy, die beide höchst inspiriert und partnerschaftlich zu Werke gingen. Auch Pianist Yonathan Avishai und Schlagzeuger Daniel Freedman konnten in diesem Postbop-Set überzeugen.

Der frühzeitige Ausverkauf der Tickets führte zu mancher Enttäuschung und kräftigen Schwarzmarktpreisen, doch das dürfte die Festivalorganisatoren unter Jan Willem Luyken nicht gestört haben. Sie waren zu Recht stolz auf diese vierzigste Ausgabe des North Sea Jazz Festivals, das abgesehen von Chaka Khans Laryngitis-bedingtem Konzertabbruch sehr rund lief. Die nächste Ausgabe ist vom 8. bis 10. Juli 2016 geplant. Dafür soll der Early Bird Vorverkauf bereits am 20. November 2015 starten. Die Angst der Fans, bei zu langem Abwarten kein Ticket mehr zu bekommen, wird eine Menge Geld noch früher in die Kasse des Veranstalters spülen. Vielleicht ist es ein Trost für die Fans, dass Vorfreude eine bessere Verzinsung darstellt, als die Banken zurzeit zahlen.

Originalveröffentlichung auf:  https://www.hansberndkittlaus.de/north-sea-jazz-festival/nsjf-2015/

Jens Düppe: Anima

Jens Düppe
Anima
Doublemoon
zu beziehen über www.jensdueppe.de

Der Kölner Schlagzeuger Jens Düppe ist seit langer Zeit ein gefragter Sideman in vielen nationalen und internationalen Bands vom Pascal Schumacher Quartet bis zum Cologne Contemporary Jazz Orchestra. In den letzten Jahren wurde er zunehmend als Leader eigener Bands wie auch als Veranstalter der mutigen experimentellen Konzertreihe „Kommunikation 9“ sichtbar. So erscheint es folgerichtig, dass jetzt mit „Anima“ seine Debut-CD unter eigenem Namen herauskommt. Dafür hat er ein Quartett als „Akustik Band“ zusammengestellt. Mit Bassist Christian Ramond und Pianist Lars Duppler bildet Düppe eine gut abgestimmte Rhythmusgruppe, mit Frederik Köster verfügt er über einen der zurzeit besten deutschen Trompeter. Die elf Eigenkompositionen Düppes spannen ein weites Feld auf von Ohrwürmern wie „peanut butter and jelly“, bei dem die Band getrieben von Düppes federndem Rhythmus sogleich alle Register zieht und Duppler ein inspiriertes Solo beisteuert, bis zum introvertiert beginnenden „Magnolia“, das Köster mit schönem Spannungsbogen zu einem dramatischen Höhepunkt bringt. Düppe brilliert in allen seinen Rollen als Bandleader, Drummer, Komponist und Arrangeur, der seine Stücke dramaturgisch clever und gleichzeitig hoch musikalisch gestaltet. So beginnt „Kaa“ introvertiert mit der melodieverliebten Einleitung Dupplers, dann steigert Köster die Gluthitze allmählich über Düppes impressionistischer Perkussion. „toast and salty butter“ schließlich hat wieder eine mitreißende eingängige Melodie, ohne in Trivialität abzufallen. „Anima“ erweist sich als ein starkes Debut, das Lust auf mehr macht.

Hans-Bernd Kittlaus 16.07.15

Fuhr Brothers: Reconstruction

The Fuhr Brothers

Reconstruction

Fuhrwerk FWM 014

In einer Zeit, in der es zum Standard geworden ist, dass Jazz-Musiker überwiegend ihre eigenen Kompositionen spielen, hatten die Brüder Wolfgang und Dietmar Fuhr die gute Idee, diese CD komplett den Kompositionen anderer zu widmen. Dazu wählten sie Werke der Väter des deutschen Jazz Albert Mangelsdorff, Wolfgang Dauner, Gerd Dudek und Manfred Schoof, der auch den Covertext verfasste. Das beginnt schwungvoll mit Mangelsdorffs „Hot Hut“ über Jens Düppes abwechslungsreich treibender Rhythmusarbeit mit gelungenen Solos von Norbert Scholly an der Gitarre und Wolfgang Fuhr am Saxofon. Schoofs „Horizon“ inspiriert Wolfgang Fuhr zu einem freieren Solo über Schollys schwebenden Gitarrentönen und Düppes kräftigen perkussiven Farben, bevor Dietmar Fuhr zu einem wohlgesetzten Basssolo ansetzt. Mangelsdorffs „Elongate“ swingt fröhlich, während die Musiker in Schoofs „Old Ballad“ reflektiert dem melodischen Gehalt nachspüren. Was allerdings das Volkslied „Mägdelein“ in dieser Sammlung zu suchen hat, erschließt sich weder thematisch noch musikalisch. Ansonsten haben die Brüder Fuhr und ihre Band ihr Konzept, das Schoof als kammermusikalisch bezeichnet, konsequent und ausgewogen umgesetzt. Diese Musik fordert und belohnt konzentriertes Zuhören.

Hans-Bernd Kittlaus            24.05.15

Martin Sasse Trio & Steve Grossman: Take the “D” Train

Martin Sasse Trio & Steve Grossman
Take the “D” Train
Nagel Heyer 2103

Dennis Frehse Trio feat. Martin Sasse
Rollin‘
78Label (zu beziehen über dennisfrehse.com@gmail.com)

Der Kölner Pianist Martin Sasse hat sich über die letzten 15 Jahre zum führenden deutschen Mainstream Pianisten entwickelt, was seine neuesten Einspielungen eindrucksvoll belegen. Ob als einfühlsamer Begleiter von Sängerinnen oder Bläsern, als Leiter von Klaviertrios oder als Pianist in anderen Formationen – Sasse ist Garant für Swing, Emotion und hohes spielerisches Niveau. Den Saxofonisten Steve Grossman hat Sasse mehrfach in den letzten Jahren als Gaststar eingeladen. Der in Europa lebende Amerikaner wurde um 1970 als Nachfolger von Wayne Shorter in Miles Davis‘ Band international bekannt. Trotz einer Reihe bemerkenswerter Aufnahmen hob seine Karriere krankheitsbedingt nie so ab, wie seine spielerischen Fähigkeiten es verdient hätten. Umso erfreulicher dass der Tenorsaxofonist sich hier in guter Verfassung zeigt. Sein meisterliches Balladenspiel prägt Ellington’s „In a Sentimental Mood“ ebenso wie seine Komposition „Nicolette“, wobei Sasse ihm kongenial die musikalischen Bälle zuspielt. Schlagzeuger Joost van Schaik treibt Benny Golson’s „Stablemates“ gekonnt etwas schneller als üblich voran. Grossman zelebriert die Ohrwurm-Melodie, bevor Sasse zu einer inspirierten Improvisation abhebt, die in Bassist Henning Gailings gelungenes kurzes Solo übergeht. Grossman zählt Ellington’s „Take the Coltrane“ schnell an und gibt Sasse so eine Vorlage für sein immens swingendes Solo, bevor Grossman sich selbst in einen mitreissenden Improvisationsfluss begibt. Die CD swingt mit Cannonball Adderley’s „Wabash“ zu Ende, erneut mit guten Solos von Grossman und Sasse.
„Rollin‘“ ist eine Trio-Aufnahme unter Leitung des gebürtigen Hannoveraner Schlagzeugers Dennis Frehse, der nach mehreren Ausbildungsjahren in USA inzwischen in Japan lebt und arbeitet, aktuell in der Band der japanischen Saxofon-legende Sadao Watanabe. Diese Aufnahme entstand in Tokio. Auch in dieser Umgebung zeigt Sasse seine Qualitäten als Swinger, etwa als er im ersten Titel „Deggen McBobben“ den Bouncing Beat von Bassist Kengo Nakamura elegant aufgreift. Der gefühlvolle Balladenspieler Sasse kommt in „You Taught My Heart To Sing“ zum Vorschein, angenehm zurückhaltend begleitet von Nakamura und Frehse, oder auch in Coltrane’s „Naima“. Das sympathisch altmodisch swingende „Rosetta“ steht am Ende dieser gelungenen Einspielung.

Hans-Bernd Kittlaus 25.04.15

Acht Brücken. Musik für Köln.

Heute beginnt in Köln zum fünften Mal das bis zum 10. Mai laufende Festival “ACHT BRÜCKEN”.

Das vollständige Programm des Festivals gibt es hier.

Das Festival: Musik. Politik?

ACHT BRÜCKEN | Musik für Köln widmet sich mit seiner fünften Ausgabe, vom 30.  April bis 10. Mai, dem Spannungsverhältnis zwischen Musik und Politik. Im Fokus steht der niederländische Komponist Louis Andriessen, der sein ganzes Leben hindurch
die beiden Wirkungsfelder Musik und Politik in Beziehung setzt. Insgesamt 14 Aufführungen seiner Werke aus der Entstehungszeit von 1970 bis 2013 geben einen Einblick in sein kompositorisches Schaffen. Darunter sind „De Staat“, das Werk, das Andriessen 1976 zu internationaler Berühmtheit verhalf und „M is for Man, Music,
Mozart“, ein Soundtrack zum gleichnamigen Film von Peter Greenaway.  Die beiden Porträtkonzerte am 4. und 10. Mai sind ganz dem Schaffen Andriessens gewidmet.

Kann Musik politisch sein? Ein Blick auf das politische Lied scheint eine eindeutige Antwort zu liefern, untersucht man hingegen eine Komposition, bei der weder Form noch semantische Ebene auf eine politische Aussage verweisen, wird es schon komplexer.  Was bedeutet überhaupt eine politische Aussage in einer musikalischen
Form? Kann ein Dreiklang politisch sein?

Es gibt Namen, die im Diskurs von Musik und Politik nicht fehlen dürfen.  Dem Festivalthema entsprechend erklingen Werke von Hans Werner Henze, Luigi Nono, Heiner Goebbels oder Luciano Berio ebenso wie Kompositionen von Paul Dessau, Georg Katzer oder Friedrich Schenker. Besondere Spielstätten verleihen den Aufführungen eine individuelle Note, so ist Henzes „El Cimarrón“ in der Lagerstätte für mobile Hochwasserschutzelemente zu hören, Nono ist ein ganzer Abend in der Kunst-Station Sankt Peter gewidmet und die musiktheatralische „Befreiung“ und „Songs of
Wars I have seen“ von Goebbels erklingen im DEPOT 1 des Schauspiel Köln.

Doch nicht nur europäische Künstler und Themen sind präsent,  der US-Amerikaner Frederic Rzewski bezieht sich mit „The People United Will Never Be Defeated!“ auf den Militärputsch in Chile von 1973. Die Rapperin und Tochter von Exil-Chilenen, Ana Tijoux, ist eine Repräsentantin der jüngeren Generation desselben Landes, die an die Thematik von Diktatur und sozialer Ungerechtigkeit anschließt.

Die namhaften Orchester New York Philharmonic, mit einer Uraufführung von Peter Eötvös und Wiener Philharmoniker, mit einer Uraufführung von Olga Neuwirth, sowie die Klangkörper Ensemble intercontemporain, Ensemble Modern, Ensemble  Musikfabrik, Klangforum Wien, Asko|Schönberg, Ensemble Resonanz, Ensemble Garage, ensemble ascolta sorgen für ein außergewöhnliches Klangerlebnis in der Umsetzung des heterogenen Programms.

Der WDR als einer der Träger des Festivals trägt nicht nur mit Mitschnitten und Übertragungen zum Gelingen des Festivals bei, sondern ist mit der WDR Big Band, dem WDR Sinfonieorchester Köln und dem WDR Funkhausorchester am 7., 8. und 10. Mai auch auf der Seite der Interpreten vertreten.

Ein Highlight des Festivals ist die Erbauung einer gemeinsamen fiktiven europäischen Stadt aus Musik, Kunst, Wissenschaft, Film und Literatur. An einem Tag und einer Stunde entsteht ab dem 2. Mai im ACHT BRÜCKEN Freihafen – Ein Tag und eine Stunde in urbo kune ein klangexperimentelles Großereignis. Urbo kune ist ein
Begriff der internationalen Kunstsprache Esperanto und bedeutet „gemeinsame Stadt“. Der Festivalbesucher kann den ästhetischen Spielraum bei freiem Eintritt erkunden.

Im Konzertsaal der Kölner Philharmonie, den Foyers, im Filmforum, im »Ludwig im Museum« und auch im Festivalzelt erklingen, unter der Leitung von Enno Poppe und dem Klangforum Wien, Werke von über 20 verschiedenen Komponisten.

Beim diesjährigen Festival entstehen nicht nur Zukunftsvisionen von urbanem Raum, es erklingen auch 10 Hymnen fiktiver Länder. Unter dem Titel „Hymne für ein nicht existierendes Land“ wurden von ACHT BRÜCKEN | Musik für Köln, mit der Unterstützung
durch die Ernst von Siemens Musikstiftung, Kompositionsaufträge erteilt. Es wird spannend, welche akustischen Profile die Komponisten ihren Utopien verleihen.

Insgesamt erklingen beim Festival 23 Uraufführungen. Das Festival kommt damit seinem zentralen Anliegen nach, besonders junge Komponistinnen und Komponisten zu fördern. Mit der ON@ACHT BRÜCKEN Nacht eröffnet die Nachwuchsgeneration
das Festival.

Die diversen Formate von ACHT BRÜCKEN | Musik für Köln untermauern den Anspruch des Festivals, in der Stadt und für die Menschen präsent und zugänglich zu sein. Drei Stadtführungen mit der AntoniterCityTours erkunden politische und spirituelle Machtzentren Kölns, das Rathaus der Stadt Köln wird zum Spielort, wenn Andriessens Kompositionen für Carillon – einem Großglockenspiel – erklingen, oder das Rathaus und seine Umgebung von Musikern des Ensemble für Neue Musik der Rheinischen Musikschule und des Collegium musicum der Universität zu Köln besetzt und bespielt wird.

An wechselnden Spielorten gibt es täglich bei ACHT BRÜCKEN Lunch um 12:30 Uhr die Möglichkeit, kostenlose Appetithappen zu genießen. Die Lunch-Reihe bietet neben dem klassischen Vorgeschmack auf das Abendprogramm auch exklusive Delikatessen, eine Filmvorführung und ein Podium für Gesprächsrunden an.

Im ACHT BRÜCKEN Festivalzelt schließt der Tag mit einem offenen Ende ab. Die ACHT BRÜCKEN Lounge bietet Raum für Konzerte in lockerer Atmosphäre und lädt anschließend zu Jamsessions ein. Der Eintritt zu den Veranstaltungen ist frei.

Für die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Thema Musik und Politik sorgen Gespräche, Diskussionen und Konzerteinführungen. Auf dem Programm stehen z. B. eine Podiumsdiskussion zum Thema „Politische Musik heute“ mit Heiner Goebbels und Louwrens Langevoort am 4. Mai, ein Gespräch zwischen Georg Katzer und Jochen Voit unter dem Titel „Ein politisch Lied, ein garstig Lied“ am 5. Mai, ein Gespräch mit Frederic Rzewski im Anschluss an sein Konzert am 7. Mai und eine Diskussion im Rahmen der ACHT BRÜCKEN Schreibschule am 7. Mai. Die Schreibschule bietet auch in diesem Jahr Studierenden die Möglichkeit, Grundlagen des journalistischen Schreibens über zeitgenössische Musik zu erwerben.

Für alle, die Lust am Musizieren und gemeinschaftlichem Experimentieren haben, bietet sich der spielBar Workshop in Zusammenarbeit mit dem Ensemble musikFabrik an. Der spielBar Workshop ist ein Angebot der Musikvermittlung und kann bereits
von Kindern ab 10 Jahre besucht werden. Mit zwei weiteren Workshops für Schulkinder und zwei Aufführungen in der Kölner Philharmonie, in der Kinder aus 12 Kölner Grundschulen unter dem Titel „Singen mit Klasse“ auftreten, bezieht ACHT BRÜCKEN | Musik aus Köln auch in diesem Jahr wieder die jüngsten Kölner Bürger in ihr Programm ein.

Das vollständige Programm des Festivals gibt es hier.

Quelle: www.achtbruecken.de
F
oto: KölnMusik/Matthias Baus